Vom Rückenschmerz zur steifen Wirbelsäule

Die Wirbelsäule ist die bewegliche Stütze des Körpers und trägt das Gewicht von Kopf, Hals, Rumpf und oberen Extremitäten. (©  medicalpicture)
Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die vorwiegend die Gelenke der Wirbelsäule und des Kreuzdarmbeins im Becken betrifft. Bekannt ist die rheumatische Erkrankung auch unter dem griechischen Fachbegriff Spondylitis ankylosans („versteifende Wirbelentzündung“), der das wesentliche Merkmal des Leidens, die Verknöcherung der Wirbelsäule, gut widergibt. Die Versteifung des Achsenskeletts tritt jedoch meist erst Jahre nach Krankheitsbeginn auf, denn die Erkrankung schreitet in der Regel nur langsam voran und kann sogar spontan zum Stillstand kommen. Daher vermutet man, dass hierzulande neben den 100.000 bis 150.000 Menschen mit gesicherter Bechterew-Diagnose rund 700.000 weitere leben, die von ihrer Erkrankung nichts wissen. Morbus Bechterew kann in jedem Alter auftreten, beginnt jedoch meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Dachte man früher, das Männer öfter betroffen sind als Frauen, weiß man heute, dass beide Geschlechter etwa gleich häufig erkranken, wobei der Verlauf bei Frauen meist leichter ist.

Knorpel wird zu Knochen
Morbus Bechterew ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Die hierdurch entstehenden Entzündungen führen an den betroffenen Gelenken der Wirbelsäule und des Kreuzdarmbeins zunächst zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Im Laufe der Zeit wird das Knorpelgewebe der Gelenke zu Knochen umgebaut, sodass die Gelenke zunehmend steif werden. Zwischen den einzelnen Segmenten der Wirbelsäule können sich zudem knöcherne Spangen bilden, die schließlich zur völligen Versteifung führen.

Die genauen Ursachen des Morbus Bechterew sind noch unbekannt. Man nimmt an, dass die Betroffenen eine erbliche Veranlagung für die Erkrankung aufweisen, die dann durch eine Infektion mit bestimmten Bakterien ausgelöst wird. Die vom Immunsystem ursprünglich gegen die Keime gerichtete Abwehrreaktion könnte sich dabei irrtümlich gegen das körpereigene Gewebe wenden. Das Vorhandensein genetischer Risikofaktoren zeigt sich neben der familiären Häufung auch darin, dass 95 Prozent der Patienten ein bestimmtes Gewebemerkmal, das Eiweiß HLA-B27 auf der Oberfläche ihrer Zellen tragen. In der Bevölkerung findet man dieses Merkmal hingegen nur bei jedem zwölften Menschen. Neben HLA-B27 scheinen jedoch noch andere Gene an der Entstehung der Erkrankung beteiligt zu sein.

Häufiges Symptom: Rückenschmerz
Ein Morbus Bechterew wird in der Regel erst fünf bis neun Jahre nach seinem Beginn diagnostiziert, da erst dann Gelenkveränderungen im Röntgenbild erkennbar sind. Erste Symptome sind meist anhaltende tiefsitzende Rückenschmerzen, die ins Gesäß ausstrahlen können. Sie nehmen morgens sowie in Ruhe zu und bessern sich bei Bewegung. Daneben können aber auch Entzündungen an den Gelenken der Extremitäten und an Organen auftreten. So kommt es bei 40 Prozent der Patienten zu wiederkehrenden Augenentzündungen, die bei Nichtbehandlung zur Erblindung führen können. Sehr schmerzhaft sind Entzündungen der Sehnenansätze, unter denen etwa jeder dritte Betroffene leidet. Darüber hinaus treten bei den Patienten auch Erkrankungen wie Schuppenflechte oder chronische Darmentzündungen häufiger in Erscheinung.
Zur typischen Versteifung der Wirbelsäule kommt es meist erst im Spätstadium der Erkrankung. Dabei flacht sich die Lendenwirbelsäule ab, während sich die Brustwirbelsäule weiter krümmt, sodass sich ein Rundrücken bildet. In heute glücklicherweise seltenen Fällen können die Patienten dann nur noch nach unten schauen, da sie nicht mehr in der Lage sind, den Kopf zu heben. Mittlerweile ist es möglich geworden, die Wirbelsäule derart Betroffener mit einem chirurgischen Eingriff wieder aufzurichten.

Viele Behandlungsmöglichkeiten
Die Erkrankung kann sehr unterschiedlich verlaufen und erfordert daher eine individuelle Therapie. Zentrale Ziele sind die Linderung der Schmerzen, die Hemmung der Entzündung und vor allem die Erhaltung der Beweglichkeit. Wesentlicher Bestandteil der Therapie sind daher viel Bewegung und eine regelmäßige Krankengymnastik, die durch schmerzlindernde Wärme- und Kälteanwendungen unterstützt wird. Medikamentös bekämpft man Schmerzen und Entzündungen zunächst mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Phenylbutazon oder Diclofenac. Alternativ können auch die magenfreundlicheren COX-2-Hemmer eingesetzt werden. Sind NSAR unwirksam oder unverträglich, kann man das radioaktive Isotop Radium-224 in die betroffenen Gelenke injizieren. Die von ihm abgegebenen α-Strahlen hemmen die Entzündung und lindern somit auch Schmerzen. Kortisonpräparate werden dagegen nur im Notfall angewendet, d. h. wenn ein akuter Entzündungsschub besteht. Sie können intravenös gespritzt oder auch direkt in den Spalt des betroffenen Gelenks injiziert werden. Letzte medikamentöse Option schließlich sind die neuentwickelten, hocheffektiven TNF-alpha-Hemmer. Sie kommen für Patienten mit sehr schweren Formen der Erkrankung in Frage, bei denen die anderen Therapien nicht wirksam sind oder nicht vertragen werden. Neben der Linderung von Schmerzen und Entzündung sind TNF-alpha-Hemmer in der Lage, auch das Fortschreiten der Erkrankung deutlich zu verlangsamen, sofern sie früh erkannt und behandelt wird (s. Beitrag Forschungsperspektiven).

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