Wie Arzneimittelverpackungen kindersicher werden

Dial-Blister: Bevor sich die Kapsel herausdrücken lässt, muss sie in die richtige Position gedreht werden (© Colbert Packaging Corporation)
Getrieben von seinem Entdeckungsdrang, überrascht der 3-jährige Sprössling mit ungeahntem manuellem Geschick und bedient sich ganz still aus der Schachtel mit Papas Medikamenten – ein Alptraum für alle Eltern. Etwa 100.000 Kinder erleiden jährlich Vergiftungsunfälle. 10.000 davon müssen im Krankenhaus behandelt werden, in 500 Fällen ist der Verlauf lebensbedrohlich. Dabei stehen Arzneimittel mit 37 Prozent an erster Stelle der Vergiftungsursachen, gefolgt von Tabak und Putzmitteln.

Gemeinsam mit der Verpackungsindustrie konzipieren Pharmaunternehmen daher Arzneimittelverpackungen, die Kinder besser vor dem Zugriff schützen. Viele Tabletten und Kapseln sind in so genannten Blistern verpackt – Sichtverpackungen, bei denen die Tabletten auf einer stabilen Rückwand aus Aluminiumfolie liegen und mit einer ihrer Form angepassten durchsichtigen Kunststofffolie fixiert sind. Derzeit in der Entwicklung befinden sich beispielsweise so genannte Dial-Blister, in dem jede Kapsel einzeln verblistert ist. Bei dieser speziellen Verpackung muss beim Öffnen zunächst eine Plastiklasche abgerissen werden, um dann eine Drehscheibe in die richtige Position drehen zu können – nämlich so, dass die Ausrichtung der Kapsel mit der Perforation der Sollbruchstelle übereinstimmt. Erst dann lässt sich die Kapsel nach hinten herausdrücken.

Neben diesen komplizierten und teuren Verpackungsmodellen gibt es aber bereits eine einfache und praktikable Variante. Dabei sind die Blisterverpackungen mit einer kindersicheren Deckfolie versehen: Die Aluminiumfolie der Rückseite ist mit einer Reihe anderer Folien aus Laminaten und Kunststoffen kaschiert. Die Haftkräfte zwischen den Folien sind sorgfältig darauf abgestimmt, dass sie einerseits den nötigen Druckwiderstand beim Öffnungsversuch durch Kinderhände leisten. Andererseits müssen sich die Tabletten oder Kapseln von Erwachsenen durch Aufreißen oder Durchdrücken gut aus der Verpackung holen lassen.

Ob die Verpackungen auch halten, was sie versprechen, überprüfen die Kleinen selbst. Dabei dürfen sie pro Jahr an nicht mehr als zwei Prüfungen unterschiedlicher Packungen teilnehmen – denn Kinder lernen schnell. Der Test findet mit Kleinkindern im Alter von 42 bis 51 Monaten in einer ihnen vertrauten Umgebung, etwa im Kindergarten, statt. Er erfolgt räumlich getrennt von anderen Kindern; auch die Eltern dürfen nicht dabei sein. Die Prüfpackungen stammen aus der laufenden Produktion, sind aber mit einer ungefährlichen Ersatztablette gefüllt.

Wieder verschließbare Packungen werden durch geschultes Personal einmal geöffnet und wieder richtig verschlossen. Dann sollen sich die Kinder paarweise fünf Minuten lang am Öffnen versuchen. Scheitern sie, demonstriert ihnen das Prüfpersonal noch einmal genau den Öffnungsvorgang – allerdings ohne Erklärungen. Und noch einmal dürfen die Kinder für fünf Minuten ran. Als kindersicher gilt eine Verpackung dann, wenn in den ersten fünf Minuten mindestens 85 Prozent der Kinder die Packung nicht öffnen konnten und nach der Demonstration mindestens 80 Prozent. Im Test von Blisterpackungen werden den Kindern mindestens zehn verblisterte Tabletten vorgelegt. Gelingt es den Kindern, acht Tabletten herauszupulen, ist die Blisterpackung in punkto Kindersicherheit durchgefallen.

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