Therapietreue: Wenn ein Medikament nicht wirkt, liegt's häufig am Patienten

(© dpa)
Wohl jeder Patient kennt das: Man liest den Beipackzettel und lässt sich von der langen Aufzählung möglicher Nebenwirkungen beunruhigen. Manch einer lässt dann schon mal die Einnahme der einen oder anderen Tablette ausfallen und glaubt, sich damit einen Gefallen zu tun. Andere Patienten beginnen zwar mit der Therapie, setzen das Medikament jedoch einfach ab, sobald unerwünschte Begleiteffekte auftreten. Aber die Folgen mangelnder Therapietreue wiegen meist weitaus schwerer als die Belastung durch Nebenwirkungen.

Auch das Gefühl „heute geht es mir doch ganz gut“ und Vergesslichkeit tragen zu mangelnder Therapietreue bei – vor allem dann, wenn die Patienten täglich mehrere Medikamente einnehmen müssen und die Behandlung längere Zeit dauert oder gar dauerhaft ist. Schätzungen zufolge halten sich nur maximal 50 Prozent der Patienten mit chronischen Erkrankungen, wie beispielsweise Bluthochdruck, Asthma oder Krebs, an den ärztlichen Rat zur Einnahme eines Medikaments.

Dabei ist die Therapietreue, im Fachjargon „Compliance“ genannt, entscheidend für den Behandlungserfolg. Denn Arzneimittel, die nicht wie vorgesehen eingenommen werden, können auch nicht wirken – damit sinken die Heilungschancen, es kommt häufiger zu Verschlechterungen des Gesundheitszustandes und nicht zuletzt steigen die medizinischen Kosten.

Wie fatal sich mangelnde Therapietreue auswirken kann, zeigen zum Beispiel Untersuchungen an Patienten, denen ein Organ transplantiert worden ist. Diese Patienten erhalten nach der Transplantation dauerhaft Medikamente, die das eigene Immunsystem unterdrücken, damit es nicht sofort alle Geschütze zur Abwehr auffährt und das neue Organ abstößt. Durchschnittlich jeder vierte Patient hält sich aber nicht an die Regeln zur Einnahme dieser so genannten Immunsuppressiva. Die Folge: Das Immunsystem kämpft gegen das neue Organ, bis dieses schließlich versagt. Somit macht sich so mancher Patient selbst alle Hoffnung auf ein „neues“ Leben zunichte.

Auch bei Patienten, die mit dem HI-Virus infiziert sind, wurden ähnlich verheerende Folgen von mangelnder Therapietreue, Non-Compliance genannt, beobachtet. Je weniger von den zur Bekämpfung der Virusinfektion verordneten Medikamenten eingenommen wird, desto mehr HI-Viren schleppen die Patienten mit sich herum. Dadurch kann das Immunsystem auch andere Krankheitserregern schlechter abwehren, denn die Viren zerstören bestimmte Zellen des menschlichen Immunsystems. Die Patienten sind dann generell anfälliger sind für – teilweise schwere – Infektionskrankheiten, zum Beispiel Lungenentzündungen. Lässt ein Patient nur jede fünfte Dosis weg, versagt die Therapie bereits in 50 Prozent der Fälle.

Nicht immer kann man jedoch dem Patienten allein die Schuld für mangelnde Therapietreue in die Schuhe schieben. Oft spielt dabei auch das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient eine Rolle. Viele Patienten wissen zu wenig über ihre Erkrankung und deren Behandlung und sind sich gar nicht im Klaren darüber, wie wichtig eine regelmäßige Einnahme ihrer Medikamente ist. Durch Patientenschulungen, verständliche Vermittlung von medikamenten- und krankheitsbezogenem Wissen sowie Ansprechen von Nebenwirkungen und der Wahrnehmung von Beschwerden kann die Compliance erheblich verbessert werden. Auch die Familie oder Freunde machen es so manchem Patienten nicht leicht, zum Beispiel wenn die Erkrankung einfach zum Tabuthema erklärt wird. Ein offener Umgang mit einem Leiden sowie Unterstützung und Motivation seitens der Angehörigen fördern beim Patienten die Akzeptanz seiner Erkrankung und ihrer Behandlung.

Nicht nur für die Ärzte, sondern auch für die Arzneimittelforscher ist die Therapietreue ein Thema: Inzwischen haben sie für viele Erkrankungen, zu deren Behandlung eine ganze Reihe von Arzneimitteln benötigt wird, Kombinationspräparate entwickelt – statt zwei oder drei verschiedener Tabletten nur noch eine, die alle Wirkstoffe enthält. Das verringert die Gefahr, dass eine vergessen wird und erhöht die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Auch Arzneiformen, die einen Wirkstoff kontinuierlich über Stunden oder Tage freisetzen, wie so genannte Retard-Formen, tragen zur Therapietreue bei. Denn so genügt z. B. eine Einnahme einmal täglich, für die sich der Patient eine Zeit am Tag wählen kann, zu der er wenig abgelenkt ist, etwa das Frühstück am Morgen. Viele Patienten sind auch dankbar, wenn sie, statt „ungeliebte“ Tabletten schlucken zu müssen, sich Wirkstoffpflaster auf die Haut kleben können; das hat beispielsweise in der Schmerztherapie weite Verbreitung gefunden.

Weil solche Arzneimittel die Compliance der Patienten verbessern und damit häufiger zu Therapieerfolgen führen, sind Comliance-fördernde Innovationen bei Arzneimitteln von großem Nutzen. Das gilt auch für Neuerungen, die bereits vor längerer Zeit eingeführte Wirkstoffe leichter einnehmbar machen.

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