Die Apotheke aus dem Meer

(© Picture-Alliance)
Seit mehr als 5.000 Jahren gewinnen die Menschen Arzneimittel aus der Natur – vor allem aus Pflanzen und landlebenden Tieren. Mit dem Fund ungewöhnlicher Substanzen in Schwämmen begann Anfang der 1950er-Jahre die Naturstoffforschung in den Meeren. Doch erst seit etwa 30 Jahren ist es dank moderner Tauchtechnologie möglich, das Potenzial unter Wasser systematisch zu ergründen.
Besonders Schnecken, Schwämme, Korallen, Moos- und Manteltiere aus tropischen und subtropischen Meeren liefern den Wissenschaftlern von Forschungsinstituten aus aller Welt wertvolle Ideen für die Arzneimittelentwicklung. Da sie sich nicht oder nur langsam fortbewegen und somit auch nicht fliehen können, verfügen sie häufig über chemische Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde. Auch Bakterien und Viren halten sie sich mit hochwirksamen Substanzen vom Leib.
Inzwischen haben Arzneimittelforscher auf der Basis solcher Naturstoffe einige Wirkstoffe entwickelt, die gegen Infektionen, Krebs oder Schmerzen helfen. Dabei landet allerdings meist nicht der Naturstoff selbst in der Tablette oder Salbe, sondern ein synthetisch hergestelltes Pendant des natürlichen Vorbilds.
So stand ein Schwamm Pate bei der Entwicklung von mehreren Mitteln, die die Vermehrung bestimmter Viren oder von Krebszellen hemmen. Aus dem Gift einer meeresbewohnenden Kegelschnecke, die damit ihre Beute lähmt, haben Arzneimittelforscher ein Schmerzmittel zur Behandlung von Patienten mit starken chronischen Schmerzen hergestellt. Eine Substanz aus einem Moostierchen wiederum diente als Vorlage für einen Wirkstoff, der gerade in klinischen Studien seine Wirksamkeit gegen verschiedene Krebserkrankungen unter Beweis stellen soll.
Der Weg vom Meer in die Apotheke ist allerdings sehr beschwerlich und lang. Zu Beginn unterziehen die Forscher ganze Substanzgemische aus einzelnen Meeresorganismen verschiedenen Labortests, um herauszufinden, ob sie gegen bestimmte Krankheiten wirken. Erweist sich ein solches Gemisch, das aus mehreren Hundert einzelnen Substanzen bestehen kann, als „aktiv“, geht es erst richtig los. Dann müssen die Forscher jene Substanz finden und „sauber“ aus dem Gemisch herausfiltern, die für die beobachtete Wirkung verantwortlich ist – das gleicht manchmal der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ist schließlich der viel versprechende Stoff gefunden, wird er in größeren Mengen benötigt, um ihn „auf Herz und Nieren“ prüfen zu können.
Dafür werden aber nicht größere Mengen freilebender Meeresbewohner verbraucht. Vielmehr erkunden die Forscher entweder die Lebensgewohnheiten der Tiere und versuchen, sie zu züchten – was allerdings bislang nur in wenigen Fällen gelungen ist. Oder sie bauen den Naturstoff chemisch nach; ein nicht weniger aufwendiger Weg zu einer praktikablen Herstellungsmethode.
Zunehmend richten die Forscher auch den Blick auf Bakterien und Pilze, die häufig in beträchtlicher Menge bei den Meerestieren „zur Untermiete“ wohnen und sehr wahrscheinlich einen entscheidenden Beitrag zur Herstellung der Abwehrstoffe ihrer Wirte leisten. Wenn es gelingt, die für die Produktion mariner – also aus dem Meer stammender – Naturstoffe verantwortlichen Mikroorganismen zu isolieren und im Labor zu vermehren, lassen sich große Substanzmengen gewinnen – wie sie zunächst für die meist jahrelange Testphase erst im Reagenzglas und dann in klinischen Studien am Menschen benötigt werden.
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