Falsch gedacht: Neue Wirkstoffe werden nur an Männern getestet

„Von Männern getestet, von Frauen geschluckt“, tönen die Medien immer wieder. Damit monieren sie, dass Frauen in klinischen Studien mit neuen Medikamenten nicht ausreichend berücksichtigt würden. Richtig ist: Hinsichtlich der Wirksamkeit und auch der Verträglichkeit mancher Arzneimittel gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Denn das Körpergewicht, die Fett- und Muskelmasse, der Wassergehalt des Körpers, der Stoffwechsel, der Hormonhaushalt und auch die Aktivität bestimmter Gene sind bei Männern und Frauen nicht gleich. Aber gibt es das wirklich, dass Medikamente für Frauen gar nicht mit Frauen erprobt wurden?

Nein. Das beweist beispielsweise eine große Untersuchung der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde (FDA) aus dem Jahr 2001, in der der Anteil von Frauen und Männern an klinischen Studien in aller Welt ermittelt wurde. Dafür werteten die Wissenschaftler fast 2.600 Studien mit insgesamt rund 493.000 Probanden aus, in denen 185 neue Wirkstoffe erprobt wurden. Das Ergebnis: An diesen Studien waren durchschnittlich 52 Prozent Männer und 48 Prozent Frauen beteiligt.

Am wenigsten vertreten sind Frauen in der frühen Phase der klinischen Prüfung (10 bis 40 Prozent), in der zunächst die Sicherheit und Verträglichkeit eines neuen Wirkstoffs bei Gesunden getestet wird. Dabei studieren die Forscher und Ärzte zunächst den – aus der Sicht der Arzneimittelforschung betrachtet – einfachsten Fall, den Mann. Bei den Frauen müssen die Arzneimittelforscher nämlich auf Nummer Sicher gehen: Denn in der Regel weiß man zunächst nichts über Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, vor allem mit Mitteln zur hormonellen Schwangerschaftsverhütung. Würde dann bei einer Probandin eine ungewollte Schwangerschaft eintreten, könnte die Prüfsubstanz möglicherweise den Embryo gefährden. In den nachfolgenden Phasen sind dann immer genügend Frauen an der Erprobung beteiligt – im Durchschnitt 55 Prozent – wenn es sich nicht gerade um ein Medikament gegen Prostataleiden oder dergleichen allein Männer treffende Krankheiten handelt.

Aber obwohl insgesamt mit Männern und Frauen fast gleich viel getestet wird, hat die FDA-Studie ergeben, dass es im Hinblick auf Arzneimittelsicherheit kaum relevante Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. In der FDA-Studie wurden zwar bei 32 untersuchten Wirkstoffen geschlechtsspezifische Unterschiede gefunden. Diese waren jedoch so gering, dass sich daraus keine unterschiedlichen Einnahmevorschriften für die Geschlechter, etwa eine unterschiedliche Dosierung, ergaben.

Ist die Sicherheit eines neuen Wirkstoffs in der frühen klinischen Prüfung erst einmal belegt, wird in weiteren Studien auch die Wechselwirkung mit der „Pille“ untersucht, um verstärkt Frauen in klinische Studien einbeziehen zu können. So beträgt laut der FDA-Erhebung der Frauenanteil in späteren Phasen der klinischen Prüfung, in denen es zunehmend um die Wirksamkeit eines neuen Arzneimittels geht, 30 bis 80 Prozent – je nachdem, welche Erkrankung damit behandelt werden soll. Schließlich kommen manche Erkrankungen überwiegend bei Frauen vor, wie zum Beispiel Brustkrebs, Osteoporose, Migräne, Rheuma und Alzheimer. Ohnehin hat die Entwicklung von Arzneimitteln zur Behandlung von frauenspezifischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Auch die Studien in Deutschland sehen nicht anders aus als in den USA: Eine Befragung der forschenden Arzneimittelhersteller in Deutschland hat die Ergebnisse der FDA bestätigt, dass Frauen bei der klinischen Prüfung von Arzneimitteln ausreichend berücksichtigt werden und nicht einfach die bei der Untersuchung von Männern gewonnenen Ergebnisse auf Frauen übertragen werden. Zudem erhalten neue Medikamente von den Zulassungsbehörden – in Deutschland ist es das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – keine Zulassung, wenn nicht genügend Frauen an den Studien teilgenommen hatten.

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