Statine bei Grippe? - Wie Forscher auf eine neue Behandlungsidee kamen

Achtung Vogelgrippe!
(© dpa)
Forscher haben herausgefunden, dass Statine nicht nur den Cholesterinspiegel senken, sondern auch vor schweren Komplikationen bei Infektionen mit Influenza, der echten Grippe, schützen können – möglicherweise auch bei der Vogelgrippe. Doch bevor diese Arzneimittel in der Behandlung der Influenza eingesetzt werden können, bedarf es noch weiterer Untersuchungen, die ihre Wirksamkeit zweifelsfrei belegen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein anderes als das Vogelgrippevirus die Welt in Angst und Schrecken versetzte: Im Jahr 2003 machte das SARS-Virus (SARS = Schweres Akutes Atemwegssyndrom) die Runde, vor allem in Südostasien, aber auch – dank moderner Verkehrsmittel – in Europa. Weltweit erkrankten damals mehr als 8.000 Menschen an SARS, mehr als 900 von ihnen starben daran. Die Menschen in den betroffenen Ländern gerieten in Panik. Sie besorgten sich große Vorräte bestimmter antiviraler Medikamente, so genannter Amantadin-Präparate, die sich neben Neuraminidasehemmern bei der Behandlung der echten Grippe bewährt haben. Viele nahmen die schon seit Jahrzehnten verwendeten Medikamente sogar „vorsorglich“ ein. Dies hat möglicherweise dazu beigetragen, dass die Grippeviren zunehmend unempfindlich (resistent) gegen den Wirkstoff geworden sind. So kletterten die Resistenzraten im Jahr 2003 in China von unter 10 Prozent auf 58 Prozent, 2004 weiter auf 74 Prozent.

Diese Entwicklung durchkreuzt nun die Pläne jener Länder, die Amantadin im Falle einer Vogelgrippe-Pandemie einsetzen wollen. Zudem sind in Thailand und Vietnam bereits Varianten des Vogelgrippevirus H5N1 entdeckt worden, die gegen Amantadin resistent sind. Doch was nun? Gibt es Alternativen? Deutschland und viele andere Länder setzen auf die gegen die Vogelgrippe verlässlicher als Amantadin wirkenden Neuraminidasehemmer. Die Wirkstoffe dieser Grippemittel hemmen ein Enzym der Influenzaviren – die Neuraminidase –, das die Freisetzung neu entstandener Viruspartikel aus den befallenen Zellen und damit die Verbreitung des Virus im Körper unterstützt.

Aber auch andere Wege sind denkbar: In den vergangenen zehn Jahren haben Forscher immer wieder festgestellt, dass Wirkstoffe aus der Klasse der Statine nicht nur den Cholesterinspiegel und damit das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken, sondern auch Entzündungsreaktionen bremsen. Daher bieten sie möglicherweise auch einen gewissen Schutz vor Herzmuskelentzündungen und schweren bakteriellen Infektionen wie einer Blutvergiftung oder Lungenentzündung, die infolge einer Infektion mit Grippeviren auftreten können. Zwar werden bakterielle Infektionen mit Antibiotika behandelt, aber das Immunsystem kann dennoch außer Kontrolle geraten. Bestimmte Botenstoffe (Zytokine) können von Immunzellen ausgeschüttet werden und einen septischen Schock herbeiführen – eine lebensbedrohliche Erkrankung, bei der der Kreislauf und schließlich lebenswichtige Organe wie die Nieren und die Leber versagen. Statine greifen in die Immunantwort des Körpers ein, indem sie die Zytokine in Schach halten. Dass Statine bei einer schweren Lungenentzündung in der Tat nützlich sein können, zeigen die Ergebnisse einer US-amerikanischen Studie: Patienten, die ohnehin mit Statinen behandelt worden waren, hatten eine dreimal größere Überlebenschance als Patienten, die keine Statine eingenommen hatten.

Im Falle einer Vogelgrippe-Pandemie könnten also Länder, die zwar nicht so schnell über Neuraminidasehemmer verfügen könnten, aber in denen Statine weit verbreitet sind, diese möglicherweise einsetzten. Auf Drängen des Virusexperten David Fedson, früher Medizinischer Leiter eines forschenden Pharmaunternehmens, hat eine niederländische Forschergruppe nun kürzlich untersucht, ob sich Statine bei Grippeerkrankungen als nützlich erweisen. Dazu wurden die Daten von 60.000 Patienten zwischen 1996 und 2003 unter die Lupe genommen. Die Forscher stellten fest, dass es bei Patienten, denen in den zwölf Monaten vor der Grippeinfektion mindestens zweimal Statine verordnet worden waren, während der Grippesaison um 26 Prozent seltener zu einer Lungenentzündung und anderen schweren Atemwegserkrankungen kam als bei Patienten ohne Statinbehandlung. Außerhalb der Grippesaison ergaben sich keine Unterschiede zwischen den beiden Patientengruppen.

Auch wenn diese Ergebnisse viel versprechend sind, ist der Einsatz von Statinen zur Grippebehandlung noch Zukunftsmusik. Zunächst müssen die Statine in weiteren Untersuchungen ihren Nutzen in der Behandlung von Folgeerkrankungen der Influenza unter Beweis stellen. Schweizer Forscher wollen demnächst die Ergebnisse einer weiteren Studie präsentieren. Auch die niederländischen Wissenschaftler forschen weiter und wollen die Wirkungsweise der Statine auf Entzündungsprozesse erkunden. Zudem müssen klinische Studien zeigen, ob Statine – sofern sie tatsächlich gegen Grippe eingesetzt werden können – vorbeugend eingenommen werden sollten oder erst im Erkrankungsfall.

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